Merkwürdiges

Dass über Kunst so schwierig zu reden oder schreiben ist, liegt sicher auch an der ungenauen oder vieldeutigen Beschreibung von Kunst, hier nämlich von Bildender Kunst.
Bilden wir uns da was ein, vielleicht Bilder, oder reden wir vom Bildnerischen, bilden wir ab oder haben wir Bildung, oder ist es gar Bilden wie Bauen, auf halbenglisch etwa Bilder-building?
Bildende Kunst hat ja nicht nur Bilder zu bieten, von Anfang an war auch das Gebaute dabei, das vom Ganzen ins Detail Gehämmerte, was Skulptur genannt wird, und das vom Kleinen ins Große, was Plastik heißt. Mittlerweile dazugekommen sind Video, Performance, Installation und Theorie, die noch nicht mal einen Impetus braucht, um sich als Kunst zu generieren.
Wenn wir vom Äußerlichen absehen, also vom Sichtbaren weg zum Künstler blicken, um vom ihm über seine Arbeit zu hören, was er gedacht hat, vorher, um es zu machen und nachher, um es zu erklären, werden wir uns mit dem Phänomen Kunst zu befassen haben; denn Kunst ist immer viel mehr, als ein Künstlerkopf zustande bringt.
Im künstlerischen Arbeiten passiert im Idealfall unabhängig von Kopf- oder Gefühlsarbeit des Künstlers ein Zusätzliches, was weder zu definieren noch zu bestimmen ist, etwas Heiliges, was sich der Arbeit, zwar durch den Künstler, aber von selbst, zufügt und diese erst dadurch zur Kunst macht.
Die bildnerische Arbeit von Selbsterdachtem kann gute Bilder ergeben, ergibt aber zwangsläufig noch keine Kunst. Kunst geht weit über das hinaus, was jemand im Hirn hat.
In der modernen Kunst unterscheiden wir bei dem, was wir sehen, abstrakte und gegenständliche Arbeiten. Dabei müssen wir unterscheiden zwischen abstrakt und Abstraktion bzw. Abstrahierung. Jede Abbildung ist eine Abstraktion, diese kann allerdings gegenständlich oder abstrakt erfolgen. Dabei ist auch die genaueste Abbildung, was wir in der Kunst Realismus nennen, Abstraktion, sonst müsste man z.B. bei Landschaftsmalerei gleich Bäume in das Bild kleben, aber auch das wäre eine Abstraktionsform der Landschaft. Ohne Abstraktion ist Abbilden nicht denk- oder machbar.
Wenn dieser Schritt oder diese Sehweise einleuchtet, dann liegt der nächste auf der Hand, die künstlerische Leistung liegt darin, einen großen Abstraktionsgrad zu erreichen. Denn je höher der Abstraktionsgrad ist, desto größer ist die Entdeckungsmenge für den Betrachter. Und je größer die Entdeckungsmenge ist, desto mehr bleibt für einen zweiten und dritten Blick des Betrachters zu entdecken. Je mehr abstrahiert wird, desto weniger vordergründig ist das Werk.

Realismus ist eine Kunsttechnik, die wenig Blick auf das Dazwischen und Dahinter zulässt, weil alles so detailliert und beeindruckend gleich in die Augen fällt. Um den Mangel an Entdeckungsmenge, die ja erst im Auge des Betrachters entsteht, auszugleichen, wird oft ein enormer Detailreichtum vorgeführt.
Der Realismus unterläuft den Phantasiereichtum, bzw. die Phantasiebereitschaft des Betrachters. Hyperrealismus ist eine Ausuferung der Kunstgestaltung, also eine Ausartung, die selbst den gefühl- und denkfaulsten Betrachter in vollkommener Blödheit abholt.
Im Gegensatz zur realen Darstellung des Gegenständlichen steht die abstrakte Kunst, die sich zu Beginn des 20. Jh. im Bereich geometrischer Formen bewegte und seit den 50er Jahren in der Kunst als Informel die nicht-geometrische abstrakte Malerei bezeichnete. Diese Kunst wurde logischerweise, weil man ja nicht so viel erkennen und damit verstehen konnte, eher den Intellektuellen zugerechnet, die daraus bis in die 80er Jahre ein Diktat machten: Malerei von klugen Leuten muss abstrakt sein. Das war die Zeit, wo sich niemand die dumme Blöße geben wollte.
Dabei wurde im Spätstadium der abstrakten Malerei gerne übersehen, dass die Anfänge des Informel geballte Kraft zum Gegenstand hatten, die mit einer grandiosen Power dem Betrachter entgegenkam, die völlig ablenkte von der Frage nach gegenständlich oder abstrakt. Heute spielt abstrakte Malerei eine manchmal interessante Außenseiterrolle, die Zeit der Vormachtstellung bis hin zur Demütigung des Gegenständlichen ist glücklicherweise Geschichte.
Im wahrsten Sinne ist es keine Kunst, ein ödes Bild abstrakt oder gegenständlich zu malen und geradezu uninteressant wird es, wenn ein ödes Bild auf die Leere im Kopf des Malers verweist. Doch dazu ein anderes Mal mehr.
Das Fehlen von Kunst wird oft durch eine vordergründige Künstlichkeit retuschiert. Erkennen kann man Bilder dieser vordergründigen Künstlichkeit , dass an zu vielen Stellen zu lieb und nett und glatt gearbeitet wurde. Kunst ist Schönheit ohne Schmeichlerei. Kunst ist echt und immer auch
ein Akt eines Künstlerwahns, vielleicht bis hin zum Wahnsinn.
Nicht im Realistischen verhaftete Maler nennt man gerne Malschwein, wenn ihren Arbeiten durch und durch die malerische Power anzusehen ist. In diesem Sinne bekenne mich zu meiner Art Wildsaumalerei.

WM auf Schloss Thun im Sommer 2010